Istanbul an einem Sonnabend im Juli

Heute mal ein älterer Text, den ich schon im Juli schrieb, nachdem ich das erste Mal in Istanbul war. Da hatte ich gerade meinen Job bekommen und flog für vier Tage her, um auf die Schnelle eine Wohnung zu suchen und überhaupt einen ersten Eindruck der Stadt zu bekommen:

Der Bahnhof

Vor den Touristen und ihren Jägern am Sonnabend Mittag ins Hafız Mustafa geflohen saß sie im ersten Stock am Fenster, schlürfte heißen, süßen Çay, ließ ihr Schokoladenbaklava im Mund langsam schmelzen und beobachtete die Ankara-Straße mit dem Bahnhofsvorplatz. Die moderne, gestreifte Straßenbahn zog sich den Berg hinauf nach Gülhane, am Kai lief gerade die Fähre aus Kadiköy ein. Die Möwen kreischten um die Wette mit dem Hupkonzert des stockenden Verkehrs. Auf der Bahnhofsseite der Straße warteten drei Taxen auf Kunden, zwei blau gekleidete Polizisten diskutierten mit einem der Fahrer, der sich dabei mit den wurstigen Unterarmen auf seine Fahrertür stützte. An der Ecke blieb ein Pärchen stehen, sie auf Zehenspitzen, und küsste sich ausgiebig. Gerade lief ein hellblonder Mann in beigefarbener Bermudahose Hand in Hand mit einer einen nur die Augen freilassenden schwarzen Tschador tragenden Frau über die Straße. Aus Richtung des Gülhane Parks schlenderte eine Familie mit zwei ganzkörperverschleierten Frauen, die eine mit flachen schwarzen Schuhen, die anderen mit zinnoberroten Sandaletten, zwei bärtigen Männern mit ersten grauen Haarsträhnen, einem Mädchen im Pubertätsalter mit einem rosa glänzenden Kopftuch sowie zwei kleinen Kindern. Vorneweg stolzierte ein Junge im weißen Prinzenkostüm, sein glitzerndes Zepter durch die stickige Sommerluft schwingend.

Im Café brachte ihr der etwa siebzehnjährige Kellner einen aufs Haus gehenden Apfeltee und wandte sich dann an die zwei Männer am Nebentisch. Sie war der einzige weibliche Gast und zog die graue Strickjacke etwas weiter über die Schultern, um die Spaghettiträger ihres geblümten Kleides besser zu verdecken.

Ankara Caddesi

Unten raste ein Student vom Bäcker an der Ecke über die Straße, kramte im Laufen aus seiner Jeanstasche sein gelbes Akbil, ein elektronisches Ticket, hervor, um noch die Bahn nach Beyoğlu zu erreichen. Dabei riss er eine alte, dicke Frau um, stolperte über ihren riesigen braunen Koffer und half ihr wieder auf die Beine und dann bis in das rosa Bahnhofsgebäude, während seine Bahn um die Ecke wegrauschte.

Plötzlich begann es zu regnen und wie auf Kommando schoben sich Straßenverkäufer mit durchsichtigen Plastikschirmen in den Vordergrund. Der Kirschhändler deckte seine Ware mit etwas Folie ab und schob seinen Karren den Berg hinauf.

Die Kellner im Café stellten sich prüfend an die offenen Fenster und entschieden sich für die nun frischere Luft.

Die immer noch diskutierenden Polizisten und der Taxifahrer sahen zum Himmel, während sie sich die Hände gaben und in die trockenen Autos stiegen. Mit lauter Sirene bretterte die Polizei in Richtung des Großen Basars. Die meisten Frauen zogen ihre schwarzen Schleier oder Kopftücher enger und beeilten sich. Zwei in Shorts gekleidete Touristinnen sahen hinauf in das Café und zeigten auf die unauffälligen Beobachter, bevor sie zu McDonalds liefen. Die Fähre legte wieder ab, diesmal nur mit Möwen auf dem Oberdeck.

Drinnen bestellte sie sich ein weiteres Glas schwarzen Tee bei dem netten, jungen Kellner, der ein passables Englisch sprach, und fragte sich, ob sie in dieser Stadt je heimisch werden würde.

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