Sprachlos

Auch ein Teil von mir sind literarische Texte. Als ich noch in Deutschland lebte, nahm ich u.a. an einer Schreibwerkstatt teil und einmal wurde ich ausgewählt und durfte eine Lesung halten. Daher habe ich mich nun entschieden, hier immer sonntags einen fiktionalen Text zu veröffentlichen.

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Mit siebzehn hörte ich auf zu sprechen. Ich war nie der große Redner gewesen. Die anderen hörten mir nicht zu. Sie bemerkten mein Schweigen nicht. Ich verrichtete alle Dinge wie immer, nur meinen Mund öffnete ich nicht mehr. Bald wuchsen die Lippen zusammen und nur die kleine rosafarbige Narbe in der Mitte war stummer Zeuge. Man vergaß mich. Je blasser ich wurde, desto länger blieb ich weg von zu Hause. Ich wanderte durch die Welt. Ich ging in Palästen ein und aus, hörte mir die Geheimnisse großer Staaten an und sprang auf stark befahrenen Straßen zwischen den Autos hin und her. Ich lief durch alle Wüsten und wenn mir langweilig wurde, spielte ich mit Hasen auf Waldlichtungen. Ich hörte ihre Gedanken. Sie dachten, ich wäre der Wind. Von Bergspitzen aus betrachtete ich die winzige Welt und ließ ihre Gefühle über mich spülen.

Von Zeit zu Zeit kehrte ich nach Hause zurück. Man sprach nicht von mir, in keiner Erinnerung fand ich mich. Sie schienen glücklich. Lange blieb ich nie. Die Aufenthalte ließen mich zu sehr verblassen, so dass ich schon zweifelte, ob ich nicht doch nur der Wind war.

Nur einmal traf ich einen Verstummten wie mich. Mit unsicheren Gesten verständigten wir uns. Er hatte die Welt durchquert und zu viele Geheimnisse aufgenommen. Wir setzten uns an den Strand und lauschten den Gedanken der Wellen. Manchmal auch unseren. Es war nicht schwer, aber ungewohnt. Es kam vor, dass ich vor Panik aufspringen wollte. Ich ließ es, weil ich kein nächstes Ziel hatte. Über uns rollten die Jahreszeiten hinweg. Ich spürte den wahren Wind.

Als ich eines Morgens meine Sinne nach meinem Partner ausstreckte, war er gegangen. Ich fühlte einen Schrei, der sich den Weg durch meinen vernarbten Mund bahnte und ihn bluten ließ. Ich verschloss mich und behielt meine Empfindungen tief in mir. Ich blieb liegen.

Strandhafer wächst durch mein Haar. Mein Körper wird von Millionen hellen Sandkörnchen gestreichelt. Manchmal wächst ein Dornenstrauch in mein Herz. In tausend Jahren möchte ich als Hühnergott um einen Hals hängen.

© JG

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