Drachenzeit

Ist das der Geruch, der bleibt? Ein grauer Schweißgeruch, vermischt mit Staub. Als hätte er sich auf der sommertrockenen Straße gesuhlt. Oder wäre über die leeren Felder gekrochen.

Hätte er nicht so viel gedacht, hätte er sie vielleicht gefunden oder gesucht. Aber sein dreckiger Kopf war voll. Seine Arbeit war gelobhudelt worden, als wäre er das Genie. Was als Nächstes? Ging es um ihn oder um das Genie? Er wusste es nicht, aber wollte es herausfinden, nur wie, nur wie! Da meinten sie, er verstünde die Welt und er hatte nur ein paar Verwirrtheiten aufgeschrieben. Seine Erinnerungen nach einem guten Tag am Meer. Als er sich in den Schaum gestürzt hatte, auf der höchsten Welle schwebte und das Salz in sich saugen wollte. Sie hatte ihn im Sand eingegraben und eine Burg auf seiner Brust gebaut. Hatte dort, wo sein Herz wohl sein mochte, ein Fähnchen in den Burgturm gerammt. An das Fähnchen band sie einen kleinen gelben Drachen. Der schaukelte im Frühlingswind und zog den orangenen Schleifenschwanz hinterher. Wie fröhlich, wie glücklich. Bis kleine Gören kamen. Die rissen den Drachen fort und zertrampelten die Burg. Da weinte sie und klagte, bis er auferstand unter den Sandmassen und sich ins Meer stürzte. Nur fort. Schnell, schnell. Sie sah ihm nach.

Er wurde an Land gespült in einem Nest aus Seegarn. Seine Kissen aus leuchtenden Quallen. Mit trockenen Halmen von Strandhafer schrieb er sich in den Sand. Jeder, der wollte, konnte ihn so finden. Aber wer wollte schon. Er hatte sie auch alle vergessen und dachte nach vorn. Als ihm die Halme ausgingen, kamen Stöcker dran, dann wagte er sich an die Kiefern. Einfacher waren die grünen Roggenähren. Nur mit den Kartoffeln im Herbst konnte er nichts beginnen.

Manchmal fiel sie ihm wieder ein. Aber was war sie schon. Ein Zeitvertreib. Eine Erinnerung. Nichts Lebendiges. Nichts. Eine einfache Sache. Für seine schnellen Entscheidungen fingen sie wieder an, ihn zu verehren. So einfach. So fesselnd. Er liebte sein Dasein. Was er auch sagte, wurde gedeutet. Er sprang durch Feuer, kletterte auf alte Pappeln und winkte von Kirchturmhähnen.

Mit der Zeit vermisste er etwas. Er wusste nicht was. Es war Nichts. Er schlief in alten Wildschweinkuhlen.

So fand sie ihn nach Jahren. Er in der Kuhle, stinkend, grau, verstaubt. Schnarchend, aber vielleicht waren das nur seine zähen Knochen. War er doch längst gestorben. Sie blickte zum Himmel und ließ es regnen. Ein warmer Sommerregen, der mit seinen großen Tropfen in wenigen Minuten alles reinwusch. Der saftige Geruch des frischen Grases erneuerte die Welt. Aus seinen blanken Knochen baute sie einen Drachen, schlug sich die Schlinge um den Hals und ließ sich forttragen.

© JG

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