Ich habe ihn geliebt

Für E. W.

Wie üblich fuhren wir jeden zweiten Sonnabend zu meinen Großeltern. Meine Uroma wohnte im gleichen Dorf, vor ein paar Wochen hatte sie ihren 90. Geburtstag gefeiert und alle redeten immer noch davon. Ich wollte auch einmal so alt werden wie sie. Mein Papa hatte ein Buch zum Handlesen zu Hause und weil ich das spannend fand, hatte ich darin geblättert. Nun las ich allen aus der Hand und überprüfte, wie alt sie würden. Meiner Uroma, meiner Oma, meinem Opa – meine Finger maßen die Lebenslinie und bestimmten, dass alle drei noch lange leben würden. Der Rest der Familie entzog sich und lenkte mich ab, indem sie mich über die Schule fragten. Immerhin war ich schon sechste Klasse und auf dem Gymnasium. Es machte meistens Spaß, die Sprachen jedenfalls, Physik fand ich stinklangweilig und in Sport war ich einfach nur schlecht. Letzteres war aber auch das einzige, was mein Cousin Maik, der in der fünften auf der Realschule war, besser konnte. Außerdem schaute er sowieso immer nur fern und blöde Actionfilme, während ich mich mit lesen bildete. Hoffentlich würde sein kleiner Bruder, Jan, anders werden. Da musste man doch schon früh eingreifen. Ich hatte irgendwo etwas aufgeschnappt von Fremdsprachenlernen bei Kleinkindern und erzählte ihm alle zwei Wochen ungefähr vier Sätze auf Englisch, aber irgendwie reagierte er nie. Jungs halt. Aber ich würde nicht aufgeben. Irgendwann würden sie mir bestimmt dankbar sein. Schließlich war Englisch sehr wichtig.

Nach dem Kaffeetrinken fragte mein Opa, ob wir rausgehen und Laub harken wollten, aber keiner hatte Lust, weil es drinnen so schön warm war. Die Kaninchen würde er leider erst später füttern. Opa hatte immer mindestens einhundert Kaninchen in den vielen kleinen Buchten im Stall. Am liebsten mochte ich die Silbergrauen. Er hatte auch viele Hühner und Tauben und manchmal kleine Schweine, die er mit einer Bürste kratzte, so dass sie vor Freude quiekten. Obwohl er Rentner war, arbeitete er immer noch. Im Sommer fuhr er einen großen, blauen Mähdrescher und nahm uns manchmal mit. Sonst fuhr er einen roten Trecker. Das machte ihm Spaß. Ich kannte ein Foto aus den 60er Jahren, auf dem er vor einem Trecker stand. Da war er noch jung, aber er hatte sich seitdem kaum verändert. Die kurzen Haare waren grau geworden und vielleicht hatte er ein paar Falten. Aber sonst war er gleich geblieben. Er hatte überhaupt nicht zugenommen. Er war groß und schlank und hatte ein längliches Gesicht. Er hatte eine wundervolle Indianernase und strahlend graue Augen. Ich fand, dass er gar nicht wie ein Opa aussah. Mein anderer Opa war viel typischer, aber der war auch viel älter und interessierte sich gar nicht richtig für mich.

Außerdem unternahm Opa immer viel mit uns Enkeln, letzten Winter waren wir auf die Wangel gestiegen. Als wir wieder unten waren, merkte ich, dass mein Handschuh fehlte und wir mussten noch einmal hinauf. Im Sommer hatte er uns Flitzebögen aus Weide und Sackband gebaut und wir waren die Peene entlang gelaufen und hatten Pfeile in die Luft geschossen, um zu sehen, wer höher oder weiter kam.

Am schönsten war es, wenn ich bei Oma und Opa in den Ferien blieb. Wenn ich schon im Bett lag, kam Opa noch einmal ins Zimmer mit einer Stulle und sagte: „Wer niemals Brot im Bette aß, weiß nicht wie Krümel pieken.“ Zum Frühstück suchte ich mir immer Bratstulle aus, Opa aß immer Kuchen. Nur zum Mittag mochte er nichts Süßes, keine Nudeln, keine Eierkuchen. „Als Kind habe ich mich daran übergegessen.“ Seine Familie kam nämlich aus dem Sudetenland und da aß man oft süße Mahlzeiten. Meine Uroma machte immer noch sehr oft Zwetschgenknödel. Aber er rührte sie nie an. Nur einmal habe ich zufällig gehört, als er erzählte, dass er im sowjetischen Gefangenenlager ein Stück Schokolade gestohlen hatte und als Strafe soviel Schokolade essen musste, bis er alles erbrach. Damals war er neunzehn gewesen.

Wir blieben also in der Wohnstube. Die Frauen wuschen in der Küche ab und ich saß mit Jan und Opa vorm Fernseher. Das war ein Luxus, endlich einmal keine Ballerfilme. War das ein Glück, dass Maik sich irgendwo draußen herumtrieb. Oma und Opa hatten immer Mitleid mit ihm, weil er es zu Hause so schwer hatte. Er war nämlich adoptiert, aber das sollte ich nie offen sagen, damit es ihm nicht wehtat. Er wusste es trotzdem, spätestens seitdem Jan doch noch als eigenes Kind geboren und bevorzugt wurde. Aber immer durfte er bei Oma und Opa sein und sogar das Fernsehprogramm bestimmen.

Doch heute war ich dran und hatte mir einen Märchenfilm ausgesucht. Nun hatte Jan die Fernbedienung in der Hand, mit drei Jahren fand er alles ganz spannend. Aber dann drückte er herum und wählte einen blöden Film mit Bud Spencer und Terence Hill. Das war ganz ungebildet. „Ich will den Märchenfilm gucken.“ „Nein.“ „Du bist viel zu klein für diesen Film.“ „Nein.“ „Das Märchen ist viel schöner und spannender.“ „Nein.“ Wir stritten uns um den Film und die Fernbedienung. Er kniff mich und zog mich an meinen hüftlangen Haaren. Dafür stieß ich ihn um. Dann kratzte er in meinem Gesicht. Ich schrie auf und packte seine Arme und drehte sie ein bisschen. Dann schnappte ich mir ganz schnell die Fernbedienung, schaltete um und setzte mich anschließend auf das schwarze Plastikteil. „Ha!“ Jan heulte.

Opa sah die ganze Zeit zu und sagte nichts. Aber ich merkte, wie enttäuscht er war, dass wir uns gestritten hatten. Ich wollte mich doch gar nicht streiten, aber wenn man Jan jetzt nicht wertvolle Dinge zeigte, war es doch bald zu spät und er würde am Ende auch nur Sport mögen und auf die Realschule gehen. Außerdem durften die Jungs immer das Programm bestimmen und ich war doch nur alle zwei Wochen mal zu Besuch. Sonst mussten wir immer diese doofen Filme gucken, obwohl Märchen doch viel schöner und weniger brutal waren. Aber dass Opa nichts sagte, traf mich. Er hatte noch nie nicht mit mir geredet. Ich hatte es doch nicht böse gemeint. Jan und ich hatten uns zum ersten Mal überhaupt gestritten. Das war aber keine Absicht gewesen. Ich wollte, dass Opa wieder gut mit mir war.

Opa redete die restliche Zeit nicht mehr mit uns. Ich wusste, was er dachte: dass ich die Große war und der Kleine noch nichts dafür konnte. Ich war für den Streit verantwortlich. Ich war traurig. Beim Abschied drückte er mich zwar, aber er sagte nicht „Puppe“ zu mir. Opa hatte nämlich für jeden seiner acht Enkel einen Spitznamen. Ich war enttäuscht von mir selbst. Er hatte Recht, aber das würde ich nie zugeben. Dafür war ich doch schon zu groß.

Ich habe ihn nie mehr gesehen, denn er starb eine Woche später überraschend, als er mit meiner Oma eine Autofahrt über die Dörfer machte. Sein Grab habe ich bis heute nicht besucht.

© JG

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4 Antworten zu Ich habe ihn geliebt

  1. Sibylle schreibt:

    hallo,
    ich verstehe, das Du sein Grab noch nicht besucht hast, aber mache es, halte Zwiesprache mit ihm,o.k., er kann Dich nicht hören. Mache es doch Dir zuliebe..
    Auch wenn Du schon ,,zu groß “ bist.
    Fange im neuen Jahr doch einfach damit an… Ist doch ein guter Start, oder?
    LG
    Sibylle

    • gille schreibt:

      Stimmt. Reden hilft. Reden hilft immer. In jeder Situation. Viele Menschen halten Zwiesprache mit jemandem, der nicht mehr da ist. Das ist ganz wichtig für die persönliche Verarbeitung.
      Das machen auch schon kleine Kinder. Als ich zweidreiviertel Jahre alt war starb mein Großvater. Wenn mich meine Mama oder meine Oma suchten, war ich fast immer mit meinen Spielsachen am Grab (war nicht weit weg) und erzählte ihm lauthals was mir so durch den Kopf ging.
      Herzliche Grüße
      gille

  2. sweetkoffie schreibt:

    Wenn Dich Dein Gefühl zum Grab treibt, dann ist es früh genug dafür.
    Viel wichtiger ist die Erinnerung und dass Du Opa in Deinem Herzen mit Dir trägst.
    Alles Liebe!

  3. Jana schreibt:

    Vielen Dank für eure lieben Kommentare! Dass ich diese Geschichte überhaupt veröffentlicht habe, ist schon ein großer Schritt 🙂

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