Hochseilakt

Jemand singt: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur viel zu selten dazu.“ Ich denke, das stimmt. Aber ich fühle es nicht mehr.

Ich war immer anders: Ich wuselte mit einem Riesengrinsen durch das Leben. Immer mit der lautesten Klappe, der schrillsten Lache, den grellsten Aktionen. Mit einer pausenlos strahlenden Laune, dass es beängstigend gewesen wäre, wenn ich mir einen Kopf darum gemacht hätte. Ich war so beschäftigt mit meiner Show, dass ich keine Zeit hatte, mir mein hübsches Köpfchen über negative Dinge zu zerbrechen. Was auch nicht nötig war, weil ich nur auf der Sonnenseite des Lebens tanzte. Ich brachte Menschen zum Lachen und ich hörte mir ihre Probleme an.

Ich balancierte etwa zehn Meter in der Luft auf einem Fädchen aus Spinnenseide, aber mir konnte nichts passieren, weil ich nie nach unten sah. Niemand konnte mich abschießen. Bevor er abdrücken konnte, hatte ich ihn längst getroffen oder war weiter gesprungen. Ich war zu leichtfüßig und flüchtig, um gehalten zu werden.

Plötzlich gelang es jemandem, sich neben mich aufs Seil zu stellen und sich immer enger an mich zu drücken. Ich ließ ihn gewähren, bis er mich auf den Boden ziehen wollte. Wir kämpften auf dem Seil. Es schwankte so heftig, dass ich dachte, ich würde fallen und mir den Hals brechen. Doch am Ende befreite ich mich aus seinem Schwitzkastengriff und stieß ihn mit meiner ganzen Kraft nach unten. Er blieb liegen, während ich wieder durch mein Leben flatterte. Nur seine Fingerabdrücke an meinem Hals hatten mich gelehrt, niemanden mehr zu dicht an mich heran zu lassen.

Als aber die Abdrücke verblasst waren, lud ich Männer zu kleinen Seiltänzchen ein, anschließend konnten sie freiwillig abspringen oder ich half nach.

Dann lernte ich in der Mitternachtsdämmerung einen faszinierenden Mann kennen: Er hüpfte flink doch trittsicher zwischen Boden und Seil hin und her. Manchmal schwebte ich für ihn nach unten. Aber er verschwand immer wieder. Ich versuchte, ihm zu folgen, konnte ihn jedoch meist nicht entdecken. Eines Tages, als ich meine Hand nach seiner ausstreckte, rammte er mich, so dass ich ohne reagieren zu können zu Boden stürzte. Der heftige Schmerz lähmte mich und nur sehr langsam erinnerte ich mich meiner Sinne. Ganz vorsichtig kroch ich irgendwann auf allen Vieren, erst Monate später richtete ich mich wieder auf. Ich traute mich nicht mehr, nach oben zu schauen.

Viel später, als ich wieder gelernt hatte, mich mühelos zu bewegen, wagte ich kleine Sprünge. Das Leben am Boden bedrückte mich, es war nicht uneingeschränkt. Zudem vermisste ich mein Publikum, es wartete nur auf Entertainer, nicht auf gefallene Seiltänzer. Als einen Akt der Befreiung spannte ich mein Seil wieder auf, sicherheitshalber nur noch in fünf Meter Höhe. Erst tastete ich mich bloß zaghaft darauf, schließlich wagte ich mich wieder an einen ersten Salto. Am Ende war ich fast die alte, großartige Showqueen, nur eben eine Ebene tiefer.

Auf einmal bemerkte ich neben meinem dein Seil. Ich sah dich eine begeisterte Menschenmenge unterhalten. Alle interessierten sich für deine Kunststücke, kombiniert mit fesselnden Geschichten – deine aufregenden Reisen quer durch Europa, deinen anspruchsvollen Job, deine gescheiterten Beziehungen. Jede Story verziertest du obendrein mit einem Liedchen. Deine Show war perfekt ausgefeilt. Vielleicht lag es auch an deinem interessanten Aussehen, dem lässig umgeworfenen olivefarbenen Stoffschal, dem grobmaschigen Ökopullover, den langen Koteletten. Oder an deiner sanften, etwas rauchigen Stimme. – Alle starrten nach oben zu dir, niemand wollte sich abwenden. Mit offenem Mund saß ich auf meinem Seil und beobachtete alles.

Dann unterhieltst du dich mit mir und ich blickte zu tief in deine dunkelbraunen Augen. Dennoch hielt ich dich zunächst auf Abstand. Einmal sagtest du charmant „chérie“ und zogst mich auf dein Seilchen. Ich provozierte dich mit frechen Sprüchen und verstrubbelte deine dicken, schwarzen Haare. Du hast gelassen reagiert, dein rasantes Leben skizziert, meinen Bauch erforscht. Im Fieber hast du etwas von zukünftigen, gemeinsamen Schritten genuschelt. Wir hielten uns fest.

Als ich am Ende der Vorbereitungen unseres ersten gemeinsamen Auftritts meine Beine in der lauen Luft baumeln ließ, blickte ich versehentlich nach unten. Mir wurde mulmig und ich schloss die Augen. Aber dann, chéri, sprangen wir zusammen in die Lüfte. Ich schwebte wieder. Wir blieben zusammen. Am nächsten Morgen versuchte ich dich festzuhalten, schlang meine Arme um dich und sog deinen warmen, mit süßem Schweiß durchtränkten Geruch auf. Ganz ruhig hast du mir in mein Ohr geflüstert, dass ich liegen bleiben solle. Ich spürte deine weichen Bartstoppeln und lächelte dich verträumt an. In diesem Moment sah ich eine Schere in deiner Hand, sah dich mein Seil zerschneiden. Nachdem du sicher auf deinem gelandet warst, sank ich wie ein Fels zu Boden. Dieses Mal konnte mein Körper den Sturz gar nicht abfedern. Ich stehe nicht mehr auf. Vielleicht werde ich irgendwann zu dir hoch blicken und deine Show bewundern.
Ich werde nie mehr tanzen.

© JG

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2 Antworten zu Hochseilakt

  1. Sag niemals „nie“.
    Du wirst wieder tanzen.
    Das sagt uns das Profil das du uns hier von dir zeichnest.
    Du wirst wieder tanzen – auch wenn du jetzt noch nicht weißt wann.

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