Beziehungsweise

Sie stoppte mit ihrem Rad an der roten Ampel und ließ den Seewind durch ihre langen Haare wehen. Über ihr rauschten die großen Kastanien, die in der kühlen Septembersonne ihre ersten Blätter abwarfen. Sie hatte sich monatelang auf dieses Praktikum gefreut und liebte es. Sie liebte diese Stadt, liebte die Leute und die fremde Sprache, hatte auf dem Rückweg gerade mit ihren Eltern telefoniert. Während sie langsam wieder anfuhr, sah sie auf das sich auf der anderen Seite der Hafenpromenade befindende Backsteinschloss. Es war auf dem Festland, sie war auf der Insel. Sie wusste, dass er in der für den ganzen Monat gemieteten Ferienwohnung auf sie wartete. Sie hatte Tränen in den Augen.
Die zwei Kinder der Vermieter quietschten laut und winkten ihr aus ihrem vom Vater gebauten gelben Baumhaus zu, als sie durch den Hintereingang das Haus betrat.
„Spatzi? Bin wieder da.“
„Ja, schön.“ Er trottete in seiner alten geflickten Jogginghose aus dem Schlafzimmer und drückte ihr einen trockenen Kuss auf die Lippen. „Und?“
„Und was?“
„Was machst du zu essen?“
„Mal gucken.“ Sie ließ ihre Ledertasche langsam zu Boden gleiten und warf ihre Jacke in die Ecke. In der winzigen Küche schaute sie in den Kühlschrank. „Warst du nicht einkaufen?“
„Nö.“
„Was hast du denn heute gemacht?“
„Nix.“ Er stellte sich mit verschränkten Armen hinter sie.
Mit schnellen Bewegungen stellte sie den Wasserkocher an und schüttete Nudeln in den einzigen Topf. „Beim Praktikum war heute schon wieder so viel los. Lars und Marie …“
„Interessiert das jetzt jemanden? Ich kenn‘ die doch eh nicht. Geht das hier nicht mal schneller?“
Mit gesenktem Blick drängte sie sich an ihm vorbei und zog sich im Schlafzimmer um.
„Spatzi, das Wasser kocht!“
Mit dem halbangezogenen Kapuzenpullover über ihren Armen stürzte sie zurück in die Küche. Als sie das kochende Wasser in den Topf gießen wollte, verkippte sie etwas auf ihre Hände und schrie auf.
„Sag mal, kannst du nicht aufpassen? Bist du selbst dazu zu blöd?“
„Man, das tut weh.“
„Ja, und? Ist doch nicht mein Problem. Sieh zu, dass das Essen fertig wird.“
Sie drehte sich um und sah ihm für ein kurzen Moment in die dunklen Augen, bevor sie aus der Wohnung rannte und mit ihrem Rad wegraste.
Mit hochrotem Kopf strampelte sie auf die Pedalen ein. Links, rechts, links, rechts. Schneller, schneller. Nicht verschnaufen, weiterfahren. Sie keuchte, aber konnte nicht anhalten. Ihre Sachen klebten an ihrem Körper, das alte Damenfahrrad rasselte. Autos fuhren an ihr vorbei, aber sie achtete nicht darauf. Sie bemerkte kaum die roten Holzscheunen und weißgetünchten Wohnhäuser. Sie hörte nicht den rasselnden Wind oder die auf den Weiden klagenden Kühe. Sie musste fahren, immer weiter, nur nicht anhalten, nur nicht zurück.
Sie ließ Felder, Teerstraßen, den Tag hinter sich, bis sie schließlich auf der anderen Seite der Insel wieder am Meer ankam. Barfuß rannte sie den Strand entlang und ließ sich irgendwann erschöpft in den rauen Sand fallen. Eine schwarzweiße Katze streunte vorbei, starrte sie an, schmiegte sich an sie.
Schließlich zog sie sich aus und stürzte sich in das grünlich schimmernde Meer. Über ihr kreisten die Möwen und kreischten. Sie antwortete. Die dicken Vögel landeten auf ihr und hieben mit ihren großen gelben Schnäbeln auf sie ein. Sie schrie. Sie tauchte und schwamm mit den Fischen um die Wette. Sie spiegelte sich in den silbernen Schuppen der Heringsschwärme, bis die Klicklaute der Schweinswale sie riefen. Sie folgte ihnen hinaus auf die offene See. In ihren Haaren verfingen sich die Algen und ihre Augen glänzten voll Salzkristallen.
Später tauchte sie hinab auf den Grund und schloss sich müde in der größten weißen Herzmuschel ein. Sie fühlte sich frei.

© JG

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2 Antworten zu Beziehungsweise

  1. Sibylle schreibt:

    schööööööön 🙂
    LG
    Sibylle

  2. federfluesterin schreibt:

    Schöne Geschichte. Nur, was wird nun mit dem Jemand in dem Backsteinschloss? Sie hat Tränen in den Augen: hat sie sich getrennt? Oder noch nicht entschieden? Oder will sich von ihrem Partner zuhause trennen und sehnt sich nach dem Backsteinschloss-Jemand und will jetzt nach Hause, um zu reden?
    Und würde das die Mutter von den zwei Kindern so tun, einfach so lange wegbleiben? Oder endgültig? Bei einem Paar kann ich mir das vorstellen, dass das so laufen kann, aber wenn Du zwei Kinder hast, die hungrig zuhause warten?

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