Essverhalten

I

Frühstück:
– eine Tasse Tee
– eine halbe Stulle Toastbrot mit Marmelade

Abendbrot:
– eine Tasse Tee
– eine halbe Stulle Mischbrot mit Käse

Dazwischen nichts.
Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich bin 1,75 m groß und wiege 47 kg. Mein BMI beträgt 15. Meine Konfektionsgröße ist 32. Das ist eine Size Zero. Ich finde es toll, meinen Körper zu kontrollieren.
Meine Freundinnen jammern, dass sie zu dick sind, und starten immer neue erfolglose Diäten. Sie bewundern mich, weil ich so dünn bin. Sie meinen, ich könne soviel essen, wie ich will, ohne jemals zuzunehmen.
Neulich führte ein Projektkurs eine Umfrage durch und fragte nach unserer Größe, unserem tatsächlichen Gewicht und unserem Wunschgewicht. Meine Sitznachbarin flüsterte mir zu, dass man doch immer mindestens drei Kilogramm weniger wiegen will.
Die Sportlehrer sagen, ich sei dünn, aber das liege an meinem Alter. Später werde sich das verwachsen.
Meine Eltern geben mir Geld fürs Mittagessen in der Schule, aber ich gebe es nicht aus. Wenn sie fragen, was ich gegessen habe, denke ich mir etwas aus.
Meine Verwandten staunen und lästern, wie viel Essen ich bei Familienfeiern in mich hineinstopfe. Meine Tante kneift mir in die Wangen: „Hast du schöne Hamsterbäckchen!“
Ich bin ein Freak und habe nur wenige Freunde. Jungs schauen mich gar nicht an. Ich lebe für die Schule und die Schülerzeitung. Am Wochenende fahren wir in die Disco und tanzen stundenlang. Später möchte ich Journalistin werden.
Ich bin seit drei Jahren Chefredakteurin der Schülerzeitung. Davor habe ich mit meinen zwei besten Freundinnen ein Schülerjungunternehmen geführt. Was ich mache, ist uncool. Und wer ohne Anstrengung gute Noten bekommt, ist noch schlimmer als ein Streber.
Letztens gab es einen Schreibwettbewerb an meinem Gymnasium. Ich habe eine lange Geschichte über ein magersüchtiges Mädchen geschrieben. Alle Lehrer wollten sie lesen. Sie sagten, dass sie gut sei. Ich finde das überhaupt nicht, denn meiner Meinung nach sollte die Spannung nicht schon auf der fünften Seite sterben.

II

Frühstück:
– eine Tasse Tee
– ein Brötchen mit Marmelade und Käse

Vormittags:
– Schokolade
– ein Becher Kaffee mit viel Zucker

Mittags:
– warmes Essen mit einem großen Nachtisch

Nachmittags:
– Kaffee mit Kuchen oder Schokolade

Abendbrot:
– warmes Essen

Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich wiege 63 kg und mein BMI liegt bei 21. Ich kaufe mir Sachen in den Größen 38 und 40. Das ist toll, denn ich fühle mich wahnsinnig weiblich. Meine neueste Jeans hat Potaschen in Form von Äpfeln, auf denen „Apple Bottoms“ steht. Endlich habe ich einen geilen Hintern und eine gute Portion Brust.
Meine Freundinnen erzählen mir, dass man durch die Pille zunimmt. Aber durch ihre Schwangerschaften sind sie viel dicker geworden. Sie haben ihre Diäten aufgegeben.
Ich habe gerade ein Jahr als Erasmusstudentin in Irland verbracht. Ich probierte alle riesigen Sahnetörtchen in der Mensa. Ich liebe mein Leben. Ich gehe mindestens dreimal pro Woche aus. Ich habe viele Freunde. Männer drehen sich nach mir um und wollen mich.
Eigentlich bin ich weiterhin ein Freak. Ich war in der „English Society“ aktiv und schrieb Geschichten. Ich spielte die durchgeknallte Olga in Marius von Mayenburgs „Feuergesicht“. Ich lerne ständig neue Sprachen.
Meine Familie findet, dass ich ziemlich dick geworden bin. Sie zieht mich auf. Aber das geht mir doch so was von an meinem wundervollen Gesäß vorbei.
Ich führe das fantastische Leben eines Glückspilzes und nun werde ich die Universität abschließen.

III

Frühstück:
– eine Tasse Tee
– ein Sojajoghurt

Dazwischen oder Abendbrot:
– eine Stulle Schwarzbrot mit Käse oder Wurst

Ich bin vierundzwanzig Jahre alt. Ich wiege 52 kg und habe einen BMI von 17. Meine alten Sachen liegen verpackt unter meinem Bett. Meine neuen Sachen haben die Size Zero. Es ist mir total egal.
Meine Freundinnen haben durch ihre zweite Schwangerschaft weiter zugenommen.
Ich habe ein beschissenes Jahr hinter mir und merke oft erst abends, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen habe.
Ich bin nun Volontärin. Ich bin umgezogen und es fällt mir schwer, neue Freunde zu finden. Männer wollen nie Beziehungen, sondern nur Affären. Wenn ich neue Leute kennen lerne, bin ich meistens fünf Jahre jünger. Sobald sie es herausfinden, gehen sie auf Abstand.
Meine Familie findet, dass ich schon eine erste Speckrolle am Rücken bekomme. Sie sagen, wenn ich so weiter mache, ende ich auch wie meine Oma mit Größe 58. Die Freundin meines Cousins zählte mir letztens auf, wie viel Essen ich bei Familienfeiern immer verdrücke.
Ich nehme an einer Schreibwerkstatt teil und schreibe Geschichten. Sie handeln von mir, doch Fiktion verzerrt die Wahrheit oft. Meine Figuren sterben nicht mehr nach fünf Seiten. Und ich will auch leben.


© JG

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3 Antworten zu Essverhalten

  1. Sibylle schreibt:

    huhu,
    alle 3 Frühstücksvariationen wären nix für mich, 🙂 kann mir garnicht vorstellen,das es so etwas in Wirklichkeit gibt… Ist ja zum Glück nur Fiktion.
    Frühstück:
    1 ScheibeVollwertbrot oder Vollkornbrötchen,
    1 Hälfte mit Schinken, die andere mit leckerer Marmi,
    1Ei
    und duftenden Kaffee…
    so beginnt mein Tag…
    Habe einen BMI von 20 und bin 1,68 groß, bewege mich viel, Größe 38,
    fühle mich Pudelwohl, möchte so bleiben, aber, ich achte schon auf meine Energiezufuhr, ohne Disziplin läuft bei mir auch nix.
    tschüss
    Sibylle

  2. gille schreibt:

    Das mit den-Freunden-finden ist generell nicht einfach. Bei mir war es in jungen Jahren genau umgekehrt. Ich sah immer „wesentlich“ jünger aus, als ich tatsächlich war. Hat das Alter gepasst, passte mein jugendliches Aussehen nicht. Die ganzen jungen Mädchen und später Frauen wollte ich halt auch nicht.Irgendwann habe ich es dann so genommen wie es ist. Frei nach dem Motto „Augen zu und durch“. Ich habe nie verzagt. Immer wieder neu versucht. Mit der Zeit (lange Zeit) findet man Menschen mit denen man gut kann. Nicht jede(r) ist der Typ die(der) durch die besondere eigene Art sofort irgendwo Abschluss findet.
    In deinem Fall: Sag einfach das „passende“ Alter. Wenn die es später merken, wird’s sicher verziehen.

    Das Leben vergisst dich nicht. Es dauert nur länger.

    Herzliche Grüße sendet Dir
    gille

  3. Sibylle schreibt:

    ach ja,
    das habe ich noch vergessen….
    Nimm es positiv, *dasjüngeraussehen* ,Es ist schwierig den/die passenden Freunde/Partner zu finden… das ergibt sich meist aus den Zufällen…. Sich bloß nicht deswegen unter Druck setzen . 😉
    LG
    Sibylle

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