Erwachsen, erwachsener, am erwachsensten

Und eines Tages wachte ich auf und stellte fest, dass ich erwachsen geworden war …

Das Ganze ist eine interessante Geschichte, wenn ich bedenke, dass ich mich das erste Mal mit 14 furchtbar erwachsen fühlte, als ich im Sommer allein in einem Jugendcamp in Slowenien Urlaub machte (das Jahr, in dem die meisten meiner Freunde ihre Konfirmation oder Jugendweihe hatten und allen groß erklärt wurde, dass man mit diesem Tag auf einmal kein Kind mehr war). Oder als ich mein Abitur machte und in dem Sommer danach jedes Wochenende mit Papas Auto zu allen Dorftänzen in der Umgebung fuhr und tiefgründige Gespräche mit meinem besten schwulen Freund führte – zumeist über die Liebe, von der wir übrigens beide keine Ahnung hatten. Oder als ich im Herbst des gleichen Jahres ins Doppelzimmer im Wohnheim zog, um im großen Rostock zu studieren – und schnell lernte, dass das Studium zu großen Teilen Spaß bedeutet.

Aber natürlich war ich trotzdem fürchterlich erwachsen. Ich studierte meine drei Fächer, traf eigenständige Entscheidungen und verließ schreckliche Vorlesungen mittendrin. Ich traf mich mit Freunden zum kultivierten Weintrinken und wollte die Welt ein kleines Stück verbessern, als wir mit riesigen selbstgebauten Plakaten gegen Unieinsparungen demonstrierten. Ich suchte mir selbständig Praktika im Ausland und diskutierte mit meinen Freunden unsere strahlende Zukunft. Ich führte eine Beziehung, die sich vor allem in seiner ein-Raum-Wohnung abspielte und von seinem Lebensplan bestimmt war: Hochzeit bis zu meinem 25. Geburtstag, zwei Kinder bis 30 und ein Leben am liebsten in der Mitte Mecklenburgs (nein, nicht Rostock). Da traf ich dann übrigens auch eine selbständige Entscheidung und war weg.

Andererseits war die Zeit äußerst geprägt von durchgemachten Nächten, häufig übermäßigem Alkoholgenuss und einem ständigen Wechsel meiner Meinungen über mich und die Welt. Ich war mir nie sicher, ob ich meinen Beruf wirklich wollte, in welchem Land ich tatsächlich leben wollte, ob es nicht doch noch einen besseren Mann gab, ob ob ob …

Und dann schickte ich vor etwa einem Jahr endlich den lange ausgefüllten Bewerbungsbogen ab und landete in Istanbul – und wachte auf und stellte fest, dass ich im Laufe der Zeit doch irgendwie erwachsen geworden war. Alles, was ich laut meinem Lebensplan erreichen wollte, habe ich geschafft: ich liebe meinen Job, habe eine tolle Wohnung und ein ausgeprägtes Sozialleben, das mich zwar an den meisten Wochenenden auch nicht schlafen lässt, aber das auch nicht mehr zwangsläufig zu bösen Kopfschmerzen führt. Zum ersten Mal kann ich mich für längere Zeit auf Dinge festlegen und habe nicht das Gefühl, so schnell wie möglich von Istanbul weiterwandern zu wollen. Lieber stöckele ich jeden Morgen in meinen adretten Etuikleidchen und schmalen Highheels zur Arbeit, halte meine Show aka den Unterricht, starte neue Projekte und treffe mich später mit Freunden auf eine Tasse Kaffee. Oder sitze entspannt in meiner schönen, warmen Wohnung und genieße zur Abwechslung kurz die Ruhe. Oder gehe neuerdings zum Yoga, um zu entspannen. Denn das ist auch so eine Sache: zum ersten Mal erkenne ich an, dass ich so bin wie ich bin und mich wohl nicht mehr großartig ändern werde. Dass ich zwar im Job mittlerweile eine riesige Geduld entwickelt habe, diese aber im Privatleben nach fast siebenundzwanzig Jahren nicht mehr weiter vergeblich suchen muss. Dass ich ein gewisses Stresslevel brauche, um effektiv zu arbeiten. Dass ich einfach immer angespannt bin, aber beispielsweise mit Yoga gewisse Entspannungsphasen schaffen kann, um die Botoxkosten vor meinem dreißigsten Geburtstag so gering wie möglich zu halten. Dass ich trotzdem  mitten auf der Straße Lachanfälle bekommen oder mit Freunden spontan rappen darf, ohne dass das die Welt nachhaltig negativ beeinflusst. Dass ich ein gewisses Maß an Drama und Show brauche, weil ich einfach so bin. Dramaqueen. Showqueen. Aber dabei immer Ich. Und das ist das Wichtigste.

© JG

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Eine Antwort zu Erwachsen, erwachsener, am erwachsensten

  1. giselzitrone schreibt:

    Wollte dir nur eine schöne Nacht wünschen,war mal kurs auf deinen Blog
    und habe was gelesehn ist schön wünsche noch eine schöne Nacht giselzitrone

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