Highheeltussi vom Dienst

Letztens feierte ich ein Wochenende lang mit einer neuen Gruppe von Bekannten und hatte eine Menge Spaß. Als ich in der darauffolgenden Woche ein Treffen vorschlug, antworte einer: „Aber nur wenn du ohne Highheels kommst.“ Da wurde mir einmal mehr bewusst, wie viele Rollen ich spiele.

Rollt den roten Teppich aus, ich komme!

Zum einen natürlich die im Beruf.  Neulich meinte einer meiner Schüler: „Sie lachen immer, Sie haben jeden Tag gute Laune. Das mag ich, es ist wichtig bei Lehrern.“ Da wusste ich, dass meine Show täglich gelingt. Mit dem richtigen Make-up und korrekter Kleidung sehe ich frisch und wach aus, um meine Show abzuziehen – egal wie müde ich bin oder was im Privatleben alles schief läuft. Ich meine sogar, dass jeder Lehrer eine kleine Rampensau ist, ich aber ganz bestimmt. Andererseits hebt sich meine Stimmung ohnehin normalerweise sofort, wenn ich zur Arbeit komme, einfach weil ich meinen Job so fantastisch finde.

Neben meinem Job habe ich weitere gute Rollen in meinem Repertoire. Ich kann das liebe, süße Mädchen sein, aber auch die böse, gemeine Zicke. Die sein, die ausgeglichen ist, die, die gut zuhört, die permanent lacht und gute Laune verbreitet, die mit den verrückten Ideen – andererseits die, die gern provoziert, der man nichts recht machen kann, die angespannt und verschlossen ist, die bei jeder Kleinigkeit an die Decke geht. Oder die Tussi, die ihre große Show hat, nur um niemanden hinter die Kulissen blicken zu lassen.

Und an besagtem Wochenende trat ich am Freitagabend mit schickem Etuikleidchen und Highheels auf, als wir zwei Mädels zur Gruppe von etwa sieben Männern stießen. Nach einem eher peinlichen Einstieg meinerseits: „Kennen wir uns?“ „Ja, wir haben schon zweimal zusammen gefeiert, das zweite Mal war vor zwei Wochen“ hatte ich mich wieder gefangen und war mein durch und durch charmantes Ich. Jeder der Herren entschied sich, mir etwas Nettes auf Englisch zu sagen, bevor wir überrascht – ich am allermeisten – feststellten, dass ich mittlerweile eine ganze Menge Türkisch verstehe (und einer erinnerte sich unglücklicherweise daran, dass ich im angetüdelten Zustand auch mittlerweile eine ganze Menge Türkisch sprechen kann). Als wir tanzen gingen, fragte mich jeder der Herren wiederum, ob mir meine Füße wegen der Highheels nicht weh täten, was ich entschieden verneinte. Dass ich täglich auf meinen sieben- oder acht-Zentimeter-Hacken durch Istanbul eile, spricht für meine gute Beziehung zu meinen Schuhen.

Aber weil ich Rampensau und Biest in einem bin, dehnte ich meine Show von der Wirklichkeit auch auf die virtuelle Ebene, d.h. Facebook aus und gab einen umfassenden Einblick in meine ach-so-fantastische Zeit, was die meisten Leute sicherlich unterhielt, andere aber ärgerte oder enttäuschte und mich noch einen Schritt tiefer im Dreck landen ließ. Eindeutig zu erkennen war: ich hatte S-P-A-ß! Aber auch dies bin ich: manchmal habe ich so viel Dreck in meinen gepflegten Pfötchen, dass egal, was ich anfasse, alles schief geht und gewisse Situationen verschlimmert. Im Türkischen gibt es hierfür ein äußerst passendes Sprichwort: „Wer Unglück haben soll, bricht den Finger im Hirsebrei.“ (Ters giderse insanın işi, muhallebi yerken kırılır dişi.) Zum Glück betrifft dies nie mein gesamtes Leben, das ist ja auch schonmal etwas!

Zurück zum Thema: Am nächsten Abend trafen wir uns wieder – diesmal zu einer Hochzeit – und tanzten danach bis morgens um halb fünf, als in dem Club das Licht angeschaltet wurde. In einem dunkelblauen, knielangen Abendkleid und neuen Wedges hielt ich wieder mein Lachen im Gesicht, tanzte, sammelte Komplimente und Interessebekundungen, die ich lachend auf die platonische Ebene verwies. Und als ich meine müden Füße dann allein nach Hause schleppte, wusste ich, dass meine Show ein voller Erfolg gewesen war. Aber als ich meine Tür hinter mir schloss, wusste ich auch, dass Shows dazu da sind, um nicht jeden sehen zu lassen, wie es mir außerdem geht, nicht die Dinge sehen zu lassen, die ich nicht mit einem umwerfenden Blick an mein Spiegelbild weglachen kann.

© JG

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Eine Antwort zu Highheeltussi vom Dienst

  1. gille schreibt:

    Stimmt. Das mit der Show.
    Niemals – würde ich mir im Büro oder auf einem Fest etwas rein privates anmerken lassen.
    Man kann sicher vieles erzählen. Die private Grenze ziehe ich immer.
    Wirklich persönliches erfahren nur ganz wenige.

    Herzliche Grüße
    gille

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