Plan mit Lücken

Gestern Nacht war ich mit Freunden auf einem Yüksek-Sadakat-Konzert, eine geniale Live-Band, die die Türkei im Mai beim Eurovision Song Contest vertreten wird. In ihrem Beitrag singen sie „Life is beautiful/Give yourself a break/Come on/And live it up“ – ein Song übrigens, der ehrlich gesagt leider nicht ihr großes Talent widerspiegelt, vielleicht liegt es an dem starken Akzent des Sängers – aber es geht mir um den Text. Anschließend gingen wir in eine nette Tanzbar und saßen lange Zeit draußen, um die Bedürfnisse der zwei anwesenden Raucher zu befriedigen. Da waren wir vier – eine Erasmusstudentin, ein Schauspieler/Schriftsteller, ein Consultant und ich – und stellten fest, wie interessant unsere Leben sind und dass im Moment alles gut so ist, wie es ist, dass wir nicht abschätzen können, wie sich die Welt innerhalb der nächsten zehn Jahre verändern wird, aber das wir einfach immer live dabei sind.

In welche Richtung will ich denn überhaupt?

Nun ist es so, dass absolute Zufriedenheit nicht meine Stärke ist und ich eine gute Portion Drama zu meinem Glück brauche. Interessanterweise hatte ich mein Leben bis zu meinem 26. Lebensjahr immer gut durchgeplant – Uni, Auslandserfahrung durch Praktika, beide Staatsexamen, einen tollen Job, Auswandern, eine schöne Wohnung. Danach geht es mit 35 weiter im Plan – heiraten, Kinder kriegen, sesshaft werden (merke: 35 ist eindeutig mein „Angstalter“). Nur die neun Jahre dazwischen habe ich versehentlich übersehen. Und dass ich den Familienplan nicht vorverlegen werde, ist klar, seitdem ich mit Anfang zwanzig ganze Schlachten gegen meinen damaligen Freund kämpfte, der für uns genau festgelegt hatte, wann wir heiraten und unsere genau zwei Kinder bekommen würden (sagen wir mal, hätte ich mich untergeordnet, wäre dieser Plan längst erfüllt).

Aber nun bin ich in Istanbul und treibe ein wenig auf dem Wasser, ohne genau zu wissen, wohin es geht, weil ich keinen Plan vorbereitet habe. Das verursacht von Zeit zu Zeit unangenehmes Magendrücken. Und als die anderen drei in der letzten Nacht erzählten, dass sie gerade befördert wurden, gerade planen im Sommer umzuziehen, gerade angefangen haben einen Roman zu schreiben, und so weiter, wurde mir bewusst, dass ich für mich neue Pläne brauche. Am besten einen ganzen Sack voll davon. Tatsächlich habe ich in den letzten Wochen zwei neue Projekte auf Arbeit übernommen und die großartige Wette abgeschlossen, dass ich in nun noch eineinhalb Jahren besser Türkisch sprechen werde als eine andere Person im Moment Deutsch, was mir dann im Sommer 2012 ein Essen bringen oder kosten wird (hoffen wir mal, dass die Wette nicht in Vergessenheit gerät, denn ich bin von meinem Sieg immer noch überzeugt).

Aber das kann nicht alles sein. Ich sollte mir höhere Ziele setzen, deren Erreichen Mühe kostet und meine Selbstüberwindung fördert, z.B. in ein paar Jahren die türkische ALES-Prüfung ablegen, um an einer türkischen Universität promovieren zu können. Oder in diesem oder dem nächsten Sommer umzuziehen, nicht weil ich meine Wohnung nicht mag, aber weil man 10%ige Mietsteigerungen pro Jahr nicht einfach hinnehmen sollte und ich es mir spannend vorstelle, in einem normalen türkischen Viertel zu wohnen, wo die Mieten günstiger sind und es wenigstens Läden für die Dinge des Alltags gibt, wo Freunde und nicht Kollegen leben. Denn auch dies ist klar, die meisten meiner Kollegen werden in den nächsten zwei Jahren das Land wieder verlassen, während – und bei diesem Plan bin ich mir absolut sicher – ich vorhabe, noch sehr lange in der für mich aufregendsten Stadt der Welt zu bleiben.

Und dann gibt es nämlich auch die Tage, wo ich richtig unzufrieden bin, weil ich zwar genug zu tun habe, aber noch nicht so ausgefeilte Projekte für die Zukunft. Tage, an denen ich das Drama aus meinem Leben auch gern löschen würde, wenn ich nicht wüsste, dass die Langeweile für mich schlimmer wäre. An diesen Tagen sollte ich mich einfach an folgende Worte meiner Freundin D. von heute erinnern: „Ich weiß gar nicht, was du hast. Du hast eine großartige Wohnung und die liegt auch noch sehr zentral. Du hast einen super Job und verdienst genug Geld, um all die hübschen Kleidchen zu kaufen. Intelligent bist du auch und hübsch. Du hast lauter tolle, interessante Freunde. Alle, die du hier kennen lernst, himmeln dich an. Du hast keinen Grund, dich zu beschweren. Dein Leben ist ziemlich perfekt.“ – oder ich singe demnächst einfach lauthals mit „Sing it loud and let it out/Life is beautiful/Give yourself a break/Come on/And live it up“, denn mein Leben ist richtig gut im Moment, warum sollte ich es eigentlich durch zu viel Denken und Plänemachen verkomplizieren?!

© JG

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