Sonntagsgeschichte: Schweigezone

Nach zwei Tagen Stille trafen sie sich in ihrem Lieblingscafé auf der Divan-Yolu-Straße. Während sie sich an den kleinen Tisch ganz hinten in der Ecke setzte, bestellte er zwei Çay sowie eines der mächtigen Obsttörtchen und zwei Löffel. Sie stocherte im Kuchen herum und starrte an die Wand, wo Sprüche über das Viertel hingen. Sie konnte einige Worte entziffern. Es waren positive Beschreibungen. Hinter ihm rauschte der Getränke kühlende Kühlschrank, auf dem eine übergroße Hochzeitstorte aus Plastik stand. Sie hatte das Pärchen darauf immer als besonders misslungen empfunden.
„Weißt du, ich wollte dir eine Blume schenken, aber …“
„Es gab keine zu kaufen.“, beendete sie den Satz.
„Ja.“
Sie nahmen gewissenhaft den Kuchen auseinander und konzentrierten sich auf die Bestandteile, Teig, Sahne, Obststückchen. Irgendwann war es aufgegessen.
„Haben wir wieder Fried?“
Sie sah auf. „Was?“
„Fried?“
Sie war ratlos.
„Fried? Auf Englisch peace.“
„Achso, Frieden. Ja, ich weiß nicht. Haben wir?“ In der Wand entdeckte sie Risse.
Er nahm ihre Hände auf dem Tisch in seine und spielte mit ihren Ringen. Sein Vater rief ihn an und sie sah, wie seine grünen Augen die Wand fixierten. Der Vater ließ sie grüßen. „Wollen wir noch woanders hin?“
„Wohin? Zur Blauen Moschee?“
„Warum? So wie ‚Eat, Pray, Love’?“
Sie lachte, das Buch lag seit Wochen halbgelesen auf ihrem Nachttisch. Sie verließen das Café. Draußen blendete sie die helle Winterluft. Überall wuselten Touristen herum, hatten ihre Reiseführer oder Kameras oder beides in der Hand und blieben mitten im Weg stehen. Die Straßenbahnhaltestelle war überfüllt, es war Feierabendzeit.
„Warst du schon mal im Gülhane-Park?“ Er schloss den schwarzen Mantel über seinem Anzug.
Sie blinzelte in die Ferne, ihr Atmen wurde flacher. „Ja. Mit dir.“ Die Blaue Moschee sah an diesem Tag besonders schön aus.
„Echt? Ach ja, ich erinnere mich. Ich hatte Toast, oder?“
„Nein, wir haben Tee getrunken.“ Sie betrachtete die kahlen Bäume und dachte, dass das eckige, angegraute Gerichtsgebäude im Winter besonders hässlich aussah.
Eingehakt und stumm liefen sie die Straße hinunter bis zu ihrem Lieblingsteegarten in der Außenmauer des Großen Basars, wo Männer in Anzügen vor allem alleine saßen Wasserpfeife rauchten, dabei in ihren Terminplanern blätterten, mit ihren Handys spielten oder einfach in die Luft starrten.
Sie setzten sich nebeneinander auf die schäbige, rot gepolsterte Bank und tranken mehr Tee.
„Tut mir leid, ist nicht romantisch hier.“ Er umarmte sie.
Später brachte er sie zur Straßenbahnhaltestelle. Sie sah in seine grünen Augen, dann in die Luft. Sie atmete kaum noch.
„Bis bald. Hey, spiel jetzt nicht. Du bist doch gar nicht traurig.“ Er umarmte sie.
Sie versuchte zu lächeln, stellte sich auf ihre Zehnspitzen und küsste ihn. „Da, meine Tram ist da.“ Sie stürzte los.

© JG

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