Keine Zeit für Schlaf, aber für Träume

Nachdem ich eigentlich auf ein ruhiges, entspanntes Jahr hoffte (begann ja mal ausgezeichnet), stellt es sich nun doch als Jahr der großen Herausforderungen heraus (und dabei denke ich noch gar nicht an den baldigen Besuch meiner Eltern). Nachdem sich die Sache mit der Ruhe und Geduld auch wieder erledigt hat, trainiere ich meine Spontaneität, was anhand folgender Dinge eindeutig zu erkennen ist: zwei äußerst kurzfristige Kurzurlaube, zwei schnelle Zusagen zu neuen Projekten, zweimal Drängen um Entscheidungen Sonntag nachts und am nächsten Tag perfekte Selbstinszenierungen (es lebe der perfekte wasserfeste 2-Lira-Kajal aus einem Ökoseifenladen, den ich die vergangenen zehn Jahre vergeblich gesucht habe) … ah ja, dass alles zweimal war, fällt mir jetzt erst auf. Da dürfte ja noch was kommen, schließlich sind alle guten Dinge drei …

Kutscher in Izmir beim Schläfchen

Spontaneität ist häufig eine richtig tolle Sache. So wie ich letzte Woche nur sechzehn Stunden vorher mein Izmirwochenende gebucht habe. Ohne viel nachzudenken packte ich mein kleines Köfferchen und saß bald im schönsten Sonnenschein an der Ägäis. Obwohl ich Sonnabend eigentlich einen ruhigen Fernsehabend im Hotel geplant hatte, stellte ich um halb elf fest, dass ein Bekannter in Izmir lebte – und spontan beschlossen wir, uns noch auf ein Bierchen zu treffen (nachdem ich seine Frage: „Müssen wir nicht … um Erlaubnis fragen?“ schroff frau-deutsch zurückgewiesen hatte, aber dazu vielleicht ein andermal) und genossen es, in der lauen Nacht draußen auf der Straße zu sitzen und über alles Mögliche zu quatschen.

Und obwohl ich das Wochenende insgesamt entspannt und mit viel Kaffeetrinken verbrachte, kippte ich auf dem Rückflug fast weg. Alle meine Gedanken und Empfindungen waren nur noch auf „müde“ und „will schlafen“ konzentriert. Leider war die Nacht dann aber sehr kurz, zumal die Umstellung zur Sommerzeit auch erst Montag Nacht geschah – aufgrund einer kurzfristigen, d.h. spontanen Entscheidung der Regierung, die landesweiten Uni-Aufnahmetests am Sonntag ohne Zeitverwirrnisse ablaufen zu lassen. Oh, schon gestern beim Aufstehen konnte ich es gar nicht erwarten, endlich nach Hause zu kommen und ins Bett zu fallen.

Aber es kommt ja oft anders als gedacht: in diesem Falle fiel meinen Schülern gestern Vormittag auf, dass sie zur European Youth Parliament Auswahlkonferenz in einer anderen Schule unbedingt ihren Beratungslehrer, d.h. mich mitnehmen mussten. Auf die Schnelle organisierte ich meinen Nachmittagsunterricht um und raste ohne Mittagessen (fürs Frühstück war auch keine Zeit gewesen und auch die Wasserflasche war längst leer) mit den Schülern zur Konferenz, die auch wirklich interessant war (z.B. „Turkey is not an Islamic country. It is a country where the majority believes in Islam). Irgendwann fand ich unter den anderen Lehrern sogar die, die auch Englisch sprechen konnten. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf das angesetzte Ende um 20 Uhr, auch wenn das Spielen der Europahymne mich auf einmal sentimental machte und aufweckte. Aber plötzlich hieß es dann noch: After-conference-party auf der asiatischen Seite und die Lehrer mögen auch bitte mitkommen. So saß ich dann bis halb zwölf am uncoolen Lehrertisch, wo es aber wenigstens viel und gutes Essen gab, während die Schüler in erster Linie eine Riesenparty veranstalteten (und ja, ich hätte auch gern mitgetanzt, aber ich glaube, beide Seiten hätten dies mit Argwohn betrachtet). Immerhin fand das Event im Galatasaray Spor Klubhaus, also Besitz meines neuen Lieblingsfußballvereins, am Wasser statt, aber den großen steinernen Aslan bewunderte ich die ganze Zeit über für seine Geduld.

Zurück in meiner Wohnung war ich schließlich um dreiviertel eins, wo mein Körper wieder nur „müde“ schreite, aber ich musste noch Unterricht vorbereiten. Und hing in demselben heute früh eher unelegant herum und musste mich für mein häufiges Gähnen entschuldigen. Am späten Vormittag war ich dann aber fertig und – ja, Spontaneität – fuhr statt nach Hause erst einmal zum Taksimplatz, wo ich auf der wunderschönen Dachterrasse des Simit Sarayı frühstückte und die Hürriyet Daily studierte: heute voll mit zukünftigen beängstigenden Erdbebenszenarien für Istanbul, Ergenekon („an alleged ultranationalist, shadowy gang accused of planning to topple the government by staging a coup initially by spreading chaos and mayhem“ Hürriyet Daily) sowie Ahmed Şık, seinem beschlagnahmten Manuskript und der Presse- bzw. Meinungsfreiheit in der Türkei. Die große Frage ist letztlich, was von diesen drei als erstes auftauchen wird (letzteres würde ich vorerst als Antwortmöglichkeit streichen wollen).

Nun bin ich zwar endlich zu Hause, habe aber abgesehen von einem kurzen Mittagsnickerchen weiter keine Zeit zum Schlafen. Die Arbeit ruft. An Putzen und Aufräumen ist kaum zu denken (ja, so sieht’s hier auch aus) und ich habe nur noch schemenhafte Erinnerungen, wann ich das letzte Mal Brot gekauft habe. Ich schätze, es ist ca. vier Wochen her. Vielleicht sollte ich spontan einfach mal in die Küche gehen und letzte Vorräte, Kekse oder so, suchen oder einfach ins Bett fallen, aber ich liebe meine Aufgaben und selbstgesuchten bzw. -gewählten Herausforderungen (egal wie alles vorher klingt) und nehme dafür dann doch sogar unangenehmes Gähnen und fette Augenringe in Kauf, denn: „Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen, wenn wir uns entschließen, einmal daraus zu erwachen.“ (Josephine Baker) Und damit: Weiter geht’s, Schlaf ist ohnehin überbewertet, tschakka!!!

© JG

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