Meet the parents


Familientreffen in Istanbul

Heute Abend kommt mein erster Besuch, seitdem ich hier in Istanbul lebe: meine Eltern. Das wird spannend. Leider hatte ich keine Zeit, ein Programm auszuarbeiten, aber immerhin ist die Wohnung mittlerweile einigermaßen aufgeräumt und geputzt. Mehr geht einfach nicht mehr. Nachher hole ich sie vom Flughafen ab und bin neugierig, wie sie mein neues Land, meine Stadt, meine Wohnung und mein Leben finden werden.

Den ganzen Tag habe ich in diesem Zusammenhang schon an einen alten Text gedacht, den ich auch mal in der Schreibwerkstatt schrieb. Voilà, Familie Wildkatze:

Familienbanden (2008)

Ich bin ganz mecklenburgisch, aber doch nicht – wegen der fehlenden Familientradition. Immerhin auf gar keinen Fall vorpommerisch, selbst in einem der bevölkerungsärmsten Bundesländer gibt es Grenzen.
Zu einem Sechzehntel bin ich tschechisch. Meiner halbtschechischen Uroma sehe ich zu weit mehr als einem Achtel ähnlich. Im Grunde habe ich bis auf ihre dicken Haare alles von ihr, wenn ich mein Spiegelbild mit alten Fotos vergleiche. In der Verwandtschaft bin ich die einzige, die ihr Aussehen geerbt hat. Meine Mutter, die darunter leidet, dass ich mit ihrer Familie äußerlich gar keine Ähnlichkeit habe, brüstet sich damit, dass ich wenigstens die Blutgruppe ihrer Seite in mir trage und somit keine Null bin.
Ich bin drei Viertel sudetendeutsch, ein Viertel schlesisch. Dieses Viertel war schon in den 1920er Jahren kommunistisch. Eine ihrer sieben Töchter wurde eine heiße Verehrerin Hitlers. Jene leidet übrigens an schweren Verschleißerscheinungen und erzählte mir beim letzten Aufeinandertreffen ununterbrochen, dass ich mit Mitte zwanzig noch lange nicht ausgewachsen sei.
Die Hälfte des schlesischen Viertels war äußerst musikalisch, aber dieses Talent hat die drei Generationen bis zu mir nicht überlebt. Ich kann keinen einzigen Ton halten, selbst Pfeifen ist mir zu komplex. Nur wenn ich die Luft einziehe, kann man ein schwaches, natürlich schiefes Tönchen erahnen. Dominant war die Sprachbegabung eines anderen Viertels. Wie bei ihm sind meine Fremdsprachenkenntnisse im betrunkenen Zustand noch ausgefeilter. Auch nach neun Sprachen kann ich nicht aufhören mehr zu lernen – die Sprachen sind übrigens Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, Dänisch, Finnisch, Irisch, Rumänisch und Chinesisch. Vielleicht wäre mir aber seine Sportlichkeit bis ins hohe Alter lieber. Fahrradfahren mit fünfundneunzig und währenddessen mit jeder Frau über fünfundsechzig am Straßenrand flirten verdient Applaus.
Ich gehöre zu einer völlig intakten Familie. Seit mindestens vier Generationen gab es keine einzige Scheidung oder wenigstens Trennung. Ein Sechzehntel war allerdings ein notorischer Fremdgänger inklusive Kinder. Ob diese Eigenschaft noch heute dominant ist, möchte ich an dieser Stelle nicht kommentieren.
Laut offiziellen Angaben raucht und trinkt niemand. Bei uns wird auch niemand verprügelt. In keinem Keller lassen sich Leichen finden, dafür sind wir zu clever. Unsere betonte Bescheidenheit perfektioniert uns.
Die Zahl der Fehlgeburten lässt sich aufgrund einer plötzlichen Verschwiegenheit schwer bestimmen, die der Familienkrankheiten dafür umso schneller. Von Alzheimer bis Zysten ist alles vertreten. Bisher können wir acht verschiedene Krebssorten aufzählen, zwei davon endeten tödlich. Auch Herzinfarkte, Gichtanfälle und Oberschenkelhalsbrüche sind bei uns äußerst beliebt. Mein Gynäkologe tat mir bei meinem ersten Besuch etwas leid, als er eine ganze Liste voll Familienkrankheiten in den Computer eingeben musste. Allerdings war ich ein wenig enttäuscht, als die Spalte zu Allergien leer blieb.

So geht's bei uns auch häufig ab

Somit sind Krankheiten übrigens auch eines der bevorzugten Themen bei Familientreffen, gefolgt von Todesanzeigen, Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaft.
In der letzten Generation, die sich von sieben Individuen auf dreizehn vermehrte, studierte die Hälfte meiner Familie, in meiner waren es mehr als drei Viertel. Im Bereich Geisteswissenschaften war ich die einzige, fünf wandten sich Wirtschaftsthemen zu. Nur ich schloss mein Studium vor der Regelstudienzeit und ohne eine durchgefallene Prüfung ab, dafür verdient der Rest etwa das Fünf- bis Zehnfache meines Gehalts.
Etwa neun Zehntel können sich meinen Vornamen, nicht merken, die drei Namensvarianten sind Teil unserer Familie, aber älter als ich. Es herrscht bei allen Unverständnis darüber, dass ich die kleinen Verwechslungen nicht hinnehme. Seit Kurzem hat das Problem noch größere Ausmaße angenommen, meine Mutter nennt mich nun am Telefon wie ihre ältere Schwester. Ich finde nicht, dass Gisela meinem Namen, also Jana, in irgendeiner Weise ähnelt. Aber wie gesagt, Alzheimer ist bei uns eine weit verbreitete Krankheit.
Niemand kann sich entscheiden, ob ich durch meine Geburt Ostdeutsche oder durch meinen Wohnsitz Westdeutsche bin. Immerhin einig bestreiten einige Familienmitglieder meine sudetendeutschen Wurzeln mit der Begründung, dass ich keine böhmischen Knödel machen kann. Dazu gab es vor einigen Jahren einen Familienstreit bei einer Taufe. Nachdem ich mich den ganzen Tag provoziert fühlte und schließlich am Abendbrotstisch ohne Widerspruch meines Vaters aus seinem Teil der Familie mit obiger Begründung ausgeschlossen wurde, merkte ich an, dass ich dafür nie von der Uni zwangsexmatrikuliert wurde wie andere Anwesende. Seitdem müssen wir nicht mehr so tun, als würden wir uns mögen.
Dass ich mich vor den zwei Komma drei Prozent Migranten der gesamten Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns nicht fürchte, findet fast die Hälfte meiner Familie erschreckend. Aus genau diesem Grund telefoniere ich mit meiner Oma nur noch selten. Wir haben einen festen Themenablauf: das gegenwärtige Wohlbefinden, unsere Krankheiten, die Krankheiten anderer, die letzten Todesanzeigen, ihr Rentendasein, meinen Job, die große Arbeitslosigkeit, die Rechtschreibreform, die Weltwirtschaft, das Migrantenproblem. Letzteres bildet grundsätzlich den Schlusspunkt. Wir sind uns dann einig, lieber aufzulegen.
Dass ich Single bin, wird kaum mehr erwähnt. Der letzte Kommentar – man müsse bis dreißig geheiratet und Kinder bekommen haben, um kein Risiko einzugehen – liegt ein paar Jahre zurück. Die Kommentatorin ist mittlerweile Mitte dreißig, unverheiratet und kinderlos. Sie gehört zu jenem Familienteil, den ich auch offiziell nicht mehr lieben muss.
Generell ist zuviel Kritik bei uns unerwünscht, Schweigen erleichtert die ausgezeichnete Familienstimmung.
Ich traue mich kaum zu erwähnen, dass meine drei Goldfische sich nicht normal verhalten. Angeblich sollen Goldfische die einfachsten Haustiere sein, was auf meine nicht zutrifft: Venus und Draco mobben Marvin. Zudem scheinen sie magersüchtig zu sein, zumindest fressen sie nie. Sie schwimmen auch nie heran, um mich zu begrüßen. Allerdings waren ihre Vorgänger noch eine Spur schlimmer: Henry I. war asthmatisch, Albert I. selbstmordgefährdet. Albert II. hat ihn, als einzig relativ normaler Goldfisch, um Längen überlebt. Ich befürchte, dass die Fische sich meiner Familie angepasst haben. Aber dafür liebe ich sie.

© Wildkatze

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